2026
Es ist 10 Uhr morgens und ich bin auf dem Weg zur Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel. Sie liegt um die Ecke von meinem Hotel und ist die einzige Straße ohne Überwachungskameras. Die Gegend gehört zu den kriminellsten Vierteln Deutschlands und in drei weiteren Straßen sind in regelmäßigen Abständen die Kameras installiert.

Letzte Nacht waren die Straßen hier merklich voller. Am Freitagabend herrscht in Bordellen Hochbetrieb, aber auch die Süchtigen strömen dann in Scharen hierher. Als ich gestern in der Münchner Straße herumstreifte, entstand plötzlich eine Aufruhr. Es sah nach einem Streit zwischen einer Frau und einem Mann aus. Die wenigen Passanten versuchten auszuweichen, während die Gäste der Bar und die Ladenbesitzer sichtlich gespannt auf das Spektakel warteten. „Die Junkies spielen Junkies, wie es sich gehört. Ist nicht so schlimm“, sagte eine Männerstimme in der Nähe.






Heute meide ich die belebten Straßen komplett und biege direkt in die nicht überwachten Seitengassen ab. ‚Die Kamera darfst du nicht verstecken‘, hat mir gestern Ulrich Mattner eingeschärft. Der Journalist und Fotograf wohnt seit Jahrzehnten im Frankfurter Bahnhofsviertel und kennt die Szene genau. Das Fotografieren hier ist eine hochsensible Angelegenheit. Experten mahnen zur Vorsicht: Man sollte unbedingt zu zweit unterwegs sein und die Menschen niemals direkt abbilden. Besser ist es, sich auf die Spuren des Drogenkonsums zu beschränken: vergessene Spritzen, Müll..“
Beim Einbiegen in die Niddastraße wird es plötzlich ganz still. Hier fahren keine Autos, ich sehe keine Touristen und auch keine Passanten. Nur entlang der rechten Straßenseite liegen und sitzen Gruppen von Menschen. Wie ich aus dem Augenwinkel feststelle, folgen einige von ihnen mir und meiner nicht zu übersehenden Kamera mit ihren Blicken. Ich gehe langsam weiter. Die Gruppen bestehen aus zwei bis zwanzig Menschen. Es wird hier nicht viel gesprochen; die Menschen liegen, sitzen, konsumieren. Ein paar Stimmen, die ich immer wieder heraushöre, reden hektisch, fast aggressiv in einer eigenen, undeutlichen Sprache. Ich fange nur einzelne Worte auf und reime mir den Sinn zusammen. Jemanden anzusprechen traue ich mir nicht. In meiner Hosentasche liegen 5-Euro-Scheine, just in case.
An der Ecke Moselstraße herrscht Andrang. Mitarbeiter einer Hilfsorganisation verteilen Essen und Getränke. Unter den Sonnenschirmen sitzen abgemagerte Menschen – man sieht ihnen an, dass sie seit Monaten auf der Straße leben. Ein großer, bärtiger Mann lächelt mir zu. Dann fällt mir ein außergewöhnlich attraktives, junges Gesicht auf. Eine junge Frau mit Hochsteckfrisur, groß und hager. Im Gegensatz zu den anderen wirkt ihre Kleidung sauber und nicht abgenutzt, doch ihr Gesicht ist stark zerkratzt. Das einladende Lächeln einer sympathischen Mitarbeiterin der Hilfsorganisation ermutigt mich. ‚Entschuldigen Sie, dürfte ich ein Foto von Ihrem Stand machen? Die Menschen auf dem Bild müssen nicht zu erkennen sein.‘ Die Frau mustert mich kurz und fragt auf Russisch, ob ich sie verstehe. Wir schmunzeln beide und wechseln die Sprache.
Ich arrangiere ein Gruppenfoto der Helfer. Der Kollege mit dem härtesten Gesichtausdruck murmelt “ich habe nichts zu verbergen” und verweigert das Foto im letzten Moment trotzdem.

Anja kommt auf mich zu. „Bei mir war es Alkohol“, sagt sie. “Hallo Anja”, begrüße ich sie. Ich werde von Anja zum gemeinsamen Beten eingeladen. Schadet nicht, denke ich. Wir beten mitten auf der Niddastraße, während das Team im Hintergrund die Tische und Sonnenschirme abbaut. Laut und ernst wiederhole ich die Sätze, die Anja mir vorspricht. Einige Leute, die Essensausgabe verpasst haben, drängen sich um uns herum.
Anja erzählt, dass sie keine Angst mehr hat, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Sie stammt aus Litauen, arbeitet heute in Frankfurt mit Kindern und als Haushilfe. Dass sie so offen mit ihrer Suchtkrankheit umgeht, kommt bei ihren Kunden allerdings selten gut an – obwohl sie seit Jahrzehnten trocken ist. Ein schnelles Porträt mitten auf der Niddastraße. Im Hintergrund strahlt das Finanzviertel. Das Licht steht gerade ideal. Ich bekomme plötzlich Tränen, reiße mich aber schnell wieder zusammen. Anja reicht mir eine Serviette, doch ich lehne stoisch ab.

Natalia aus Kasachstan, die ich zu Beginn angesprochen habe, erzählt mir von der christlichen Mission. Jeden Samstagvormittag verteilt das Team hier Lebensmittel an die Obdachlosen des Viertels. Gegründet von ehemaligen Suchtkranken russischer Abstammung, will die Mission Menschen mit ähnlichem Background den Weg zurück in ein normales Leben ermöglichen. Während unseres Gesprächs telefoniert Natalia mehrmals. Dann strahlt sie: Das Mädchen mit der Hochsteckfrisur von vorhin lässt sich gerade in die Reha einweisen. Die Mission hat kurzfristig einen Platz für sie organisiert. Laut Natalia liegt die Erfolgsquote bei rund 15 % – so viele Menschen nehmen die Hilfe an, schaffen den Sprung weg von der Straße, werden wieder berufstätig, manche gründen Familien.
Natalia schloss sich der Mission an, weil ihr Ex-Mann drogenabhängig war. Mit 19 kam sie aus Kasachstan nach Deutschland, heiratete und erlebte den jahrelangen Verfall ihres Partners. Das Paar bekam zwei Kinder. Natalia selbst hat nie Drogen genommen. In einer Phase absoluter Verzweiflung lernte sie den Gründer der Mission kennen. Der Kontakt half ihrem Mann zwar aus der Sucht, doch die Ehe scheiterte. Natalia blieb der Gemeinde treu. Heute ist sie jeden Samstag bei der Essensausgabe in der Niddastraße im Einsatz.

Während unseres langen Gesprächs wirkt Natalia abgeklärt und ruhig. Erst als ich ihr zum Abschied meine Visitenkarte mit der Wiener Nummer gebe, hellt sich ihr Gesicht auf: Wien stehe schon lange auf ihrer Reiseliste, sie werde sich melden. Ich schieße noch ein paar schnelle Fotos. Die Helfergruppe ist weg und wir stehen allein auf der Straße, umgeben von Suchtkranken. Die Stimmung wird ungemütlicher. Ich versuche, dass außer ihr keine Menschen im Bild sind. Und plötzlich entdecken wir beide in der Menschenmasse das Mädchen mit der Hochsteckfrisur – das eigentlich längst auf dem Weg in die Reha sein sollte.
Ich gehe weiter durch die leeren Straßen, vorbei an den noch geschlossenen Bordellen. Las Vegas bei Tag, geht mir durch den Kopf. Ohne die pinke Neonbeleuchtung und im grellen Sonnenlicht wirkt das Viertel noch unglamouröser als nachts. Dreizehn Laufhäuser gibt es im Viertel, einige haben rund um die Uhr geöffnet. Die berüchtigte Rotlicht- und Drogenszene grenzt hier direkt an das glänzende Frankfurter Finanzviertel. Auch wenn am Samstagvormittag alles verlassen wirkt, sieht man einzelnen Kunden in die Laufhäuser hinein- und herausspazieren.





Einige der Menschen treffe ich immer wieder, sie ziehen hier ihre ganz eigenen Kreise. Ein junger, langhaariger Mann im hellblauen Malibu-T-Shirt begleitet mich ein paar Meter, bis ich mich endlich traue, ihn anzusprechen. „Frauen sind arrogant“, sagt er. Zumindest das verstehe ich aus seinen sonst sehr hektischen und undeutlichen Worten. „Sie wollen keinen Sex, sie wollen nur Geld. Die da will keinen Sex mit mir.“ Er deutet auf eine Frau, die uns entgegenkommt und der man das harte Leben auf der Straße deutlich ansieht. „Häh, mit dir?“, entgegnet sie empört und straft ihn mit einem verachtenden Blick. Der Junge tut mir leid. Es ist allerdings schwer, das Gespräch in Gang zu halten, weil er in tänzelnden Bewegungen um mich herumschleicht, während er unaufhörlich und wirr auf mich einredet. Ich halte meine Kamera fest im Griff.
„Du bist aber hübsch“, versuche ich ihn zu trösten. „Warum haben wir zwei keinen Sex?“, fragt er. Als er den Mund öffnet, sehe ich zwei Reihen halb verfaulter, schwarzer Stümpfe, die einst Zähne waren. „Ich bin zu alt für dich.“ Während wir an einer Gruppe halbliegender Menschen vorbeigehen, die uns prüfend beobachten, bleibt er hartnäckig. „Wie alt bist du denn?“ „Ich könnte deine Mutter sein“, greife ich zu einem bewährten Abwehrmanöver. „Geil“, entgegnet er stumpf. Ich reiche ihm einen 5-Euro-Schein und fotografiere seine Hände und die Crack-Pfeife aus gelbem Metall. „DAS musst du fotografieren!“, plötzlich öffnet er seine Hose und packt sein Glied vor mir aus. „Kannst du mich umarmen?“, er richtet seine Hose wieder. Ich zögere kurz, dann nehmen wir uns in den Arm. Es riecht nach Schweiß, aber zum Glück nicht nach Verwesung. Ich frage mich, ob man diesen Jungen überhaupt noch retten kann. Er löst sich und setzt seinen Weg fort, während ich zurück zum Hotel gehe. Auf meine Frage nach seinem Namen ruft er mir zum Abschied noch zu: „Sexbombe!“


Auf dem Rückweg überholen mich zwei Polizeiwagen – hier kein ungewöhnlicher Anblick. Sie stoppen vor einer Bar an der Ecke. Zwei Männer mit nahöstlichem Erscheinungsbild werden festgenommen und an Ort und Stelle durchsucht. „Unter keinen Umständen Dealer fotografieren!“, schießt mir der freundliche Rat von Ulrich Mattner wieder durch den Kopf. Ich stecke die Kamera weg und gehe zügig weiter.






Zurück im Hotel versuche ich mir den Alltag hier auszumalen. Eine Dosis Crack – ein Abfallprodukt von Kokain – kostet gerade einmal fünf Euro. Der Rausch ist extrem intensiv, verfliegt aber nach wenigen Minuten. Sofort setzen die Entzugserscheinungen ein, und die Gier nach dem nächsten Zug beginnt von vorn. Für Frauen gibt es meist nur drei Wege, um die 200 bis 300 Euro für den täglichen Konsum zu beschaffen: Dealen, Stehlen, Anschaffen. Manche Menschen überleben zehn Jahre oder länger hier auf der Straße. Abends verwandelt sich ein Teil des Viertels in einen illegalen Strich. Der gesamte Alltag ist ein ewiger Kreislauf: Jeden Tag bist du aufs Neue damit beschäftigt, irgendwie die nächste Dosis aufzutreiben. Du wachst auf und funktionierst nicht, ohne vorher konsumiert zu haben. Das alles übersteigt gerade mein Vorstellungsvermögen. Abgesehen vom körperlichen Verfall: Wie viel Zeit bleibt einem Menschen, bevor seine gesamte Persönlichkeit mit allen Charaktereigenschaften restlos ausgelöscht ist? Wie schnell verwandelt sich ein Mensch in ein nicht mehr ansprechbares Wesen, welches nur noch mechanisch auf äußere Reize reagiert? Wie jene Ameisen, die von einem Parasitenpilz gekapert, wie Zombies von innen aufgefressen und ferngesteuert dorthin getrieben werden, wo die Pilzsporen sich am besten verbreiten. Meine Gedanken kommen wieder zurück zu dem Mann im hellblauen Malibu-T-Shirt. Hoffentlich übersteht er den kommenden Winter auf der Straße.
Zurück in Wien sitze ich zwei Tage lang nur da und starre in meiner Wohnung ins Leere. Danach bewerbe ich mich beim Samariterbund.
Für Besucher der Stadt Frankfurt sehr zu empfehlen: Eine 3-stündige Führung durch das Rotlichtviertel mit dem ehemaligen Journalisten der Frankfurter Allgemeinen und Fotografen Ulrich Mattner, einem Einwohner des Bahnhofsviertels.
